Al Gromer Khan
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Über Ambient-Musik von Al Gromer Khan Es ist wahr, dass der Begriff Ambient Music von Brian Eno stammt. Allerdings es ist auch wahr, dass Eno vielleicht gar nicht so originell ist, wie man auf den ersten Blick annehmen möchte; die Idee für eine ´Musik als Interieur´ stammt beispielsweise von Eric Satie. Selbstverständlich hat auch John Cage, auf den sich Eno auch anderweitig häufig bezieht, das Thema immer wieder gestreift. Die Person Eno war in den späten Siebzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts mehr oder weniger der Ambient ¬ Untergrund. Seine ´Ambient-Series´ , ein von ihm eigens dafür geschaffenes Schallplatten-Label und die Klassiker ´Music for Airports´ oder ´On Land´ entstammen Enos Umfeld: befreundete Musiker, Maler und ´Denker´ des Londoner Pop-Avantgarde, die sich anfangs zum Spaß Musikkassetten mit obskuren Klange-Experimenten zukommen ließen, wobei jeder den anderen in der Verwendung von Hall- und Echogeräten und dem neu entdeckten Synthesizer in ihren exzentrischen Experimenten zu übertreffen suchten. Damals wurde Eno von der Musikpresse belächelt. ´Langweiler´ und ´Impressionist´ waren noch die angenehmeren Formulierungen, mit denen diese Frühwerke bedacht wurden. Doch keiner konnte ihm die Fähigkeit absprechen, anhand seines ´Instruments´, dem Aufnahmestudio, Klänge zu geschaffen zu haben, die es vorher noch nicht gegeben hatte. Dass die Klänge mit archetypischen seelischen Zuständen korrespondierten, schien jedoch ein Tabu-Thema zu sein. Wenn er sich solcher Zuständen bewusst war, so tat er dies nicht kund. In den meisten seiner Arbeiten besonders den frühen kann man eine diskrete Religiosität in seiner Person und seinem Werk spüren. Diese Religiosität definiert sich in einer neuen Art Andacht, die in direkter Opposition zu der Haltung kirchlicher Institutionen und traditionellen spirituellen Wegen steht. Könnte es sein, dass moderne Kunst Religion im herkömmlichen Sinne ersetzt? Dann würde man von den Künstlern einen hohen seelischen Anspruch und ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl fordern müssen. Unter einem Ambiente verstehe ich eine Atmosphäre, welche in einer klar definierten Räumlichkeit vorherrscht. In welcher Art Ambiente war ich in der Vergangenheit am glücklichsten? Was waren die dafür notwendigen Merkmale? Zum Beispiel, als die Wohnung noch nicht ganz eingerichtet, alles noch in einem Zustand der Nonchalance, also unfertig war. Ich persönlich genieße es, einige wenige Objekte von erlesener Schönheit um mich zu haben Patina ist wichtig - ; an ihnen kann ich mich täglich aufs Neue erfreuen. Doch sie benötigen Raum, um ihre Wirkung zu entfalten. Natürlich gehört auch die Aussicht zum Ambiente die offene Weite, Himmel, Wolken. Doch auch in dieser Kunstform lauern Sackgassen und Fallen. Ich beobachte mit einem gerüttelt Maß an amusement um mich herum Musiker, die in diese Fallen tappen, sich jedoch durch ihre Emsigkeit einen Namen machen. Sobald im Untergrund Dinge entstehen, die eine gewisse Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bewirken, finden sich Trittbrettfahrer ein, die die äußere Form kopieren und sie sich den Trend der eigenen Profilierung willen zu Nutze machen. Ein Disko-Beat namens ´Ambient´ kam und verschwand. Auf den ersten Blick scheint ein Mitmischen Unbegabter bei Ambient-Musik leichter als in anderen Disziplinen der Kunst, denn es gibt keine objektiven Kriterien für die Beurteilung. Und die Industrie liefert nur zu willig die vorgefertigten digitalisierten Werkzeuge für eine solche Beschäftigung. Beuys und Andy Warhol und die Ideen, dass in der Kunst der Zukunft ein jeder mitmachen, ein jeder für einige Zeit berühmt sein dürfe, kommen einem in den Sinn. Wie gesagt: auf den ersten Blick; bei näherer Betrachtung allerdings stellt sich heraus, dass es bei der Ambient-Musik trotz der rigorosen Abgrenzung gegenüber der Esoterik-Szene auch eine seelische Komponente gibt, nämlich ´Raum´ (zu deutsch: ´Space´) zu kreieren. Und obwohl religiöse Begriffe beim Ambient verpönt sind, wird ein psychischer Effekt gesucht, dessen Zustand sich durch nichts von dem des altmodischen Gebets unterscheidet. Wie ist ein Gebet formuliert? Welche Attitüde wird bei diesem Gebet eingenommen? Diese Gabe bei Eno in blendender Art und Weise vorhanden ist weder kopier- noch imitierbar. Hier also scheint es zu einer natürlichen Auslese unter den Ambient-Schaffenden zu kommen, was den Enthusiasmus der Nicht-Berufenen allerdings nicht zu entmutigen vermag. Diskretion ist vonnöten, um etwas zu schaffen, das nicht nur das Interesse, sondern auch die Dankbarkeit des Hörers weckt. Wo liegt das Geheimnis, mit dem man einen magnetischen Sog anhand minimalistischer Mittel erzeugen kann? Vielleicht an der perfekten Balance zwischen männlichen und weiblichen Komponenten? Ambient-Musik - oder sagen wir, der größte Unterschied zwischen Ambient und anderen Musikformen - scheint sich dadurch zu ergeben, dass es einem nicht egal ist, mit welcher Art akustischem Ereignis man in einer gegebenen Situation umgeben sein möchte - und, wie Eno sagt, diesbezüglich eine bewusste Entscheidung treffen möchte. Es steht nämlich zu vermuten, dass hinter dem Bedürfnis nach Ambient Musik, leidvolle Erfahrungen mit Lärm und akustischer Belästigung stehen: angefangen von Autolärm, über plärrende Fernseher und Hintergrundberieselung in Restaurants und Geschäften bis zu den Bumbum-pochenden Kleinwagen balzender Jungmänner. Die nächste Abgrenzung findet auf der strukturellen Ebene statt: wo ´Klassik´, Pop, Jazz, Volksmusik Abwechslung, Entertainment, Drama, Spannung und Witz willkommen heißen, sucht Ambient lediglich die strukturelle Kontinuität und die Ereignisarmut, um sich obige Phänomene vom Leib zu halten. Die Kontinuität sollte sich durch Gleichförmigkeit und Repetition nicht abnützen, sondern, wie Klaus Wiese sagt, ´energetisch aufladen´. Wie man dies zustande bringt, bleibt der Intuition überlassen. Nicht Ausbildung, handwerkliche Fertigkeit oder technischer Sachverstand, ja nicht einmal Erfahrung, zählen, sondern etwas anderes, das sich bis dato der Definition entzieht. Ambient sucht die sublimierte und abstrahierte Form, nicht die ausformulierte. Wo Pop und Rock zu akustischer Pornographie werden, verharrt Ambient im poetischen Bereich. Ich persönlich verwende Sitar-Phrasen als erotische Komponente, als eine Art Würze, so wie in einer Erzählung eine angedeutete Sex-Szene vorkommen kann und einer Geschichte Tiefe verleiht. Meine musikalische Philosophie korrespondiert mit Kandinskys Schritt zur Abstraktion um 1910, um ein Beispiel aus der Malerei zu geben. Da es bei Ambient-Musik um eine Art ´Innenarchitektur´ geht , um seelische Innenarchitektur, setzt dies eine Person voraus, die mit der Erleichterung vertraut ist, die sich einstellt, wenn man all die überflüssigen Objekte - das cluttering - in einem Raum entfernt und die Möglichkeit gegeben ist, ihn neu einzurichten. Die Person betritt den leeren Raum und fühlt sich wohl, im Sinne des Feng Shui, und des Weniger ist mehr, im Sinne des Bauhaus. Unterlassungstugenden kommen zum tragen. Das Gehirn komplettiert Andeutungen und Fragmente. Zitate öffnen Räume. Was vorhanden ist, wird nicht zugedeckt, sondern bewusst gemacht, gegebenenfalls verstärkt: der Wind in den Bäumen, das Gurren der Tauben unter dem Dach, das leise Großstadt-Grummeln aus der Distanz. Wo andere Musikformen aus einer Reihe von Gründen zu gefallen suchen, ruht Ambient in sich selbst, macht die wenigen vorhandenen Komponenten genießbarer, bleibt, abgesehen von den oben genannten Motivationen, unabhängig. Die zweite - vielleicht noch wichtigere - Abgrenzung in der Formulierung der Ambient-Kunst, ist die gegenüber New Age, Esoterik und Wellness-Musik. Warum? Weil sie in ihrer äußeren Form wie die Muzak-Berieselung in Mc Donalds, scheinbar dem Ambient so nahe kommt. Doch arbeiten New Age- und Esomusik notgedrungenerweise mit Projektionen. (Der Anspruch auf ´Erleuchtung´ ist so hoch, dass als künstlerischer Ausdruck nur eine Kitschpostkarte übrig bleibt). Auch sogenannte ´Wellnessmusik´ arbeitet mit Projektionen, denn der unbedarfte Hörer identifiziert sich automatisch mit dem Zweck, auf den die Musik gerichtet ist und muss sich nicht mit der Musik selbst auseinander setzen. Es kommt zu keiner Fasten-Phase, und demnach auch zu keiner Heilungs- oder wahrhaften Genußphase. Ambient dagegen birgt keine Sehnsüchte oder Erwartungen, sondern ist was es ist: eine Art Filmmusik für das Leben - eher ein Bild von Rothko als eines von Renoir. Nebenbei gesagt dürfte der Titel ´Music for Airports´ eher eine künstlerische Ambivalenz darstellen, als ein Album mit zweckgebundener Musik. Warum eigentlich überhaupt Musik hören, in dieser Zeit voller Lärm? Ist nicht der Genuss der Stille die bessere Art akustischen Genusses? Nun - Ambient-Musik birgt zumindest die Möglichkeit, Gefühlsebenen anzusprechen und zu aktivieren, die knapp neben der momentanen eignen Gefühlsebene liegen und exquisiten Charakter haben. Ohne die Wirkung der Ambient-Musik würden diese vielleicht übersehen. Ambient¬-Musik wird in so einem Fall vorherrschende Frequenzen nicht nur beeinflussen, sondern gleichzeitig eine andauernde distanzierte, futuristische, eine ´kühle´ Atmosphäre schaffen. Meine Arbeiten und Experimente auf diesem Gebiet operieren gewöhnlich mit einer Art ´Lockung´, wobei sich die Gefühle bündeln, um im Anschluss in ein neutrales Feld zu geführt zu werden. Meistens gehe ich mit einer strukturellen Idee an die Arbeit, vielleicht einem Fragment, mit dem sich zyklisch arbeiten läßt. Oft beginnt dieser Prozess schon weit früher, Wochen oder Monate vorher: ein Samenkorn in der Erde, während ich beobachtend verharre, um zu sehen, ob sich etwas daraus entwickelt. Da ich regelmäßig die Natur beobachte, sie verehre, neigt meine Arbeit dazu, mehr weibliche Anteile aufzuweisen als männliche dies dürfte auch meine Protesthaltung gegenüber einer total maskulinisierten Welt sein. Ich bin vom Anfang des Arbeitsprozesses an auf der Lauer nach dem entscheidenten Moment, in dem das neue Stück etwas Bestimmtes, etwas Unerwartetes, von mir fordert. Dann folge ich der Inspiration, beobachte mit Interesse, was mit mir und der Musik geschieht. Um Vilayat Khan zu zitieren: Der Musiker wird selbst zum Hörer. So kommt es zu einer Musik, die zu leben beginnt, wenn man Wolken, Vögel oder Blätter im Wind betrachtet - eine Musik, die ihre Wirkung tut, wenn man sie leise hört. Ambient-Musik. Eine sinnvolle Beschäftigung für Menschen . |
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© 2003-2006 Al Gromer Khan |
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